Internet-Apotheke
US-Behörden sehen Risiko in Selbstversorgung mit Medikamenten
Washington (AP). Das Internet macht's möglich: Echte und
eingebildete Kranke, aber auch Leute mit unlauteren Absichten
können online Medikamente zur Lieferung per Post bestellen,
darunter Mittel, die nicht zugelassen sind. Der zunehmende Trend
macht in den USA das Gesundheitswesen und die Behörden nervös.
Mehrere US-Staaten lassen bereits in- und ausländische Webseiten
auf einschlägige Angebote hin überprüfen, Beamte der
Bundesbehörde für Betäubungsmittel (DEA) haben eine
Durchsuchung bei mindestens einem "Internet-Arzt"
vorgenommen.
Befürworter des grenzenlosen Medikamentenhandels argumentieren,
die Verbraucher seien intelligent genug. Gesundheitsexperten
hingegen befürchten schwerwiegende Schädigungen bis hin zu
Todesfällen. "Die Konsumenten gehen ein hohes Risiko
ein", warnt William Hubbard von der DEA. "Sie könnten
ihr Leben aufs Spiel setzen. Wir sind sehr besorgt
deswegen." Allerdings gibt es in den Aufsichtsbehörden
mancher US-Staaten auch Beamte, die nach eigenem Bekunden noch
nie von den zahllosen Internet-Offerten gehört haben, wie etwa
dem Angebot der Potenzpille ohne Rezept: "Brauchen Sie
Viagra? Kein Rezept? Kein Problem!"
Ein AP-Reporter bestellte ein auf einer britischen Webseite
angebotenes, in den USA nicht zugelassenes Abmagerungsmittel. Das
absenderlose Päckchen mit einem Monatsvorrat passierte
anstandslos den Zoll. Der britische Versandapotheker hatte keine
Möglichkeit zur Überprüfung der Angabe, der Besteller habe
Übergewicht. Eine AP-Korrespondentin bekam von einem
Viagra-Anbieter eine Lieferzusage, nachdem sie per Internet eine
einzige Frage bezüglich der Gesundheit beantwortet und zudem
offenbart hatte, daß sie eine Frau sei. Laut Zeugenaussagen
wurden auch schon unter das Betäubungsmittelrecht fallende
Schmerzmittel per Post geliefert.
Ermittlungen und Verbote
Im Staat Colorado wurde ein Arzt wegen Vertriebs von Viagra über
das Internet abgemahnt, in Connecticut, Wyoming und Nevada wurde
der Vertrieb über eine bestimmte Webseite verboten, in
mindestens acht weiteren Staaten wird aufgrund von Strafanzeigen
ermittelt. Nevada läßt den Internet-Vertrieb von Viagra nur
noch zu, wenn die Besteller einen Arzt konsultiert haben. North
Carolina überprüft die Zulässigkeit einer im Internet
angebotenen Software mit Anleitungen, wie Laien ihre Krankheiten
selbst diagnostizieren und ohne Rezept von ausländischen
Webseiten Medikamente bestellen können. "Das ist
Do-it-yourself-Doktorei", klagte Dave Work von der
Pharmaziekammer des Staates.
Obwohl eindeutig festgelegt ist, welche Medikamente
rezeptpflichtig sind und welche frei verkauft werden dürfen,
tummeln sich auf US-Webseiten unzulässige Angebote. Offeriert
werden neben Viagra (das für bestimmte Patienten als höchst
gefährlich gilt) das Herpesmittel Valtrex, das Menschen mit
schwachem Immunsystem den Tod bringen kann, das
gewichtsreduzierende Medikament Meridia und der demselben Zweck
dienende Wirkstoff Phentermine. Der Gebrauch des ersteren
Medikaments bedarf wegen möglicher blutdruckerhöhender
Nebenwirkungen ärztlicher Überwachung, das letztere gilt als
gefährlich für ganze Gruppen von Patienten. Auf ausländischen
Webseiten wurden Angebote von Aufputsch- und Beruhigungsmitteln,
Antibiotika und Medikamenten zur Behandlung von Epilepsie,
Zuckerkrankheit und Überreiztheit gesichtet.
US-Ärzte dürfen nur Rezepte für Patienten in Staaten
ausstellen, in denen sie zum Praktizieren zugelassen sind. In den
meisten Staaten ist zudem vorgeschrieben, daß ein Arzt nur seine
eigenen Patienten mit Rezepten versorgen darf. Aber diese
Vorschriften stammen aus der Zeit vor dem Cyberspace, und in den
Staaten herrscht Unsicherheit, wie sie in bezug auf das Internet
auszulegen sind und wie die Überwachung gehandhabt werden soll.
"Es ist ein riesiges Problem", kommentiere Mark
Stafford von der Heilberufekammer von Kansas. Der Staat hat gegen
zwei Webseiteninhaber Klage auf Unterlassung des Viagra-Vertriebs
in Kansas erhoben.
Quelle: Agentur AP (Associated Press)